1. Hintergrund
Im Januar 2020 hat das Australian Capital Territory (ACT), also die Region rund um Canberra, den Anbau und Besitz kleiner Mengen Cannabis entkriminalisiert. Ziel war es, Polizei und Justiz zu entlasten und den Fokus stärker auf Prävention und Gesundheit zu legen. Um herauszufinden, welche Auswirkungen die Entkriminalisierung hat, wurde die Studie CAN-ACT durchgeführt.
2. Studienziele
Die CAN-ACT-Studie verfolgte zwei Hauptziele:
- Verhalten & Einstellungen
– Wer baut an, wie oft wird konsumiert, und warum?
– Welche Erfahrungen und Hürden gibt es im Alltag? - Qualität & Sicherheit
– Wie hoch sind THC- und CBD-Gehalte wirklich?
– Enthalten heimische Proben Schadstoffe wie Schwermetalle oder Pestizide?
3. Methodik
- Online-Befragung (September 2022–August 2023)
– 311 ehemalige oder aktive Klein-Anbauer:innen im ACT nahmen teil.
– Fragen zu Demografie, Konsum, Anbaupraxis und Einstellung zur Gesetzeslage. - Chemische Analyse (optional)
– 71 Proben ihrer selbst gezogenen Blüten wurden auf Cannabinoide und Kontaminanten untersucht.
4. Wesentliche Ergebnisse
A) Wer sind die Anbauer:innen?
- Alter & Bildung
– Median 42 Jahre; 76 % mit tertiärem Abschluss. - Wohnsituation
– 80 % im eigenen Haus, oft mit Partner:in oder Familie.
B) Konsum & Motivationen
- Konsumfrequenz
– Im Median 20 Tage innerhalb der letzten 28 Tage. - Gründe für den Anbau
– Eigene Versorgung (Selbstversorgung)
– Freude am Gärtnern
– Unabhängigkeit von illegalen Netzen
– Über 60 % nannten auch medizinische oder wohlbefindensfördernde Motive.
C) Anbaupraktiken & Herausforderungen
- Anzahl Pflanzen
– Median 4 Pflanzen pro Jahr, Ernteertrag pro Pflanze häufig 100–150 g. - Häufigste Probleme
– Schimmel, Nährstoffmangel, Spinnmilben. - Anbautechnik
– 86 % mit „Living Soil“, 77 % setzten Düngemittel oder Zusätze ein.
D) Inhaltsstoffe & Qualität
- THC-Gehalt
– Mittelwert 8,99 % (± 0,51 % SEM) – moderat, wie viele kommerzielle Sorten. - CBD-Gehalt
– Meist unter 0,1 % – kaum wahrnehmbar. - Kontaminanten
– Schwermetalle und Pestizide lagen überwiegend unter Grenzwerten.
E) Rechtliche Grauzonen & Sorgen
- Gesetzeslücken
– 78 % sahen das Risiko, legal gezogene Pflanzen könnten zu viel Ernte abwerfen (> 50 g),
– 68 % waren unsicher, wie Samen oder Stecklinge legal zu beschaffen sind. - Angst vor Strafverfolgung
– Trotz Entkriminalisierung fühlten sich 52 % noch immer unsicher, verhaftet zu werden.
5. Bedeutung & Ausblick
Diese Studie zeigt: Die Entkriminalisierung im ACT hat vielen Menschen den legalen Anbau ermöglicht und bietet klare Vorteile gegenüber dem Schwarzmarkt. Gleichzeitig fehlen aber:
- Praxisnahe Anbau-Ressourcen
– Leitfäden zu Schimmel-Prävention, Nährstoffmanagement und Schädlingsbekämpfung. - Rechtliche Klarheit
– Eindeutige Regelungen zum Saatgutbezug und zur erlaubten Erntemenge. - Qualitätskontrolle
– Regelmäßige Prüfangebote für Cannabinoid- und Schadstoff-Analysen.
Für Deutschland können wir daraus lernen: Wenn wir Cannabis verantwortungsvoll regulieren wollen, brauchen wir neben klaren Gesetzen auch konkrete Hilfestellungen für alle, die zuhause anbauen. Nur so werden Sicherheit, Qualität und Vertrauen in legale Strukturen nachhaltig gestärkt.
Fazit
Die CAN-ACT-Studie liefert uns praxisnahe Einblicke, die helfen, Anbau und Konsum sicherer zu gestalten. Mit transparenten Richtlinien und gezielter Aufklärung können wir in Deutschland ebenfalls positive Erfahrungen machen – im Sinne der Gesundheit, der Eigenverantwortung und einer mündigen Community.
Quelle
Zhou C., Lavender I., Gordon R., McCartney D., Kevin R.C., Bedoya-Pérez M.A., McGregor I.S. (2025): An analysis of the cultivation, consumption and composition of home-grown cannabis following decriminalisation in the Australian Capital Territory. Nature Publishing Group. Scientific Reports, 15(1):2649. doi: 10.1038/s41598-024-84897-w
Text in voller Länge unter:
https://www.nature.com/articles/s41598-024-84897-w

